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Herkunftsnachweise in der Lieferkette: wo die Kette wirklich reisst

Ein Register kann Einträge unveränderbar festhalten. Es kann nicht erzwingen, dass jemand einen Eintrag macht — und genau dort liegt das Problem.

Fünf Stationen einer Herkunftsnachweiskette von der Vergabe der Kennung bis zum Abbruch bei einer analogen Station
Der Nutzen steht und fällt mit der Disziplin an der schwächsten Station der Kette.

Herkunftsnachweise gelten seit Jahren als der Anwendungsfall, an dem sich die Nützlichkeit verteilter Register am besten zeigen lässt. Die Argumentation ist eingängig: Jede Station in einer Lieferkette schreibt Übergabe und Zeitpunkt fest, Einträge lassen sich nachträglich nicht verändern, und am Ende kann die Kundschaft nachvollziehen, woher ein Produkt kommt. Technisch stimmt das. Praktisch entscheidet sich der Nutzen an einer Stelle, die mit der Technologie nichts zu tun hat.

Was das Register kann

Zwei Eigenschaften sind real und nicht trivial. Die erste ist die Unveränderbarkeit: Ein geschriebener Eintrag lässt sich später nicht stillschweigend korrigieren oder entfernen. Wer eine Korrektur braucht, muss sie als neuen Eintrag anbringen, und die ursprüngliche Angabe bleibt sichtbar. Das ist ein echter Unterschied zu einer Tabelle, in der eine Zahl überschrieben werden kann.

Die zweite ist der gemeinsame Stand ohne gemeinsamen Betreiber. In einer Lieferkette mit Beteiligten, die im Wettbewerb stehen oder einander nicht kennen, gibt es oft keine Partei, der alle die Datenhaltung überlassen möchten. Ein verteiltes Register löst diese Vertrauensfrage, indem es sie auf die Struktur verlagert statt auf einen Betreiber.

Was es nicht kann

Ein Register prüft nicht, ob ein Eintrag der Wirklichkeit entspricht. Schreibt eine Station, sie habe zehn Tonnen eines bestimmten Rohstoffs aus einer bestimmten Region übernommen, dann steht das unveränderbar fest — auch wenn es nicht zutrifft. Die Unveränderbarkeit macht aus einer falschen Angabe eine dauerhaft falsche Angabe.

Und ein Register kann nicht erzwingen, dass ein Eintrag überhaupt gemacht wird. Das ist der praktisch entscheidende Punkt. Eine Nachweiskette ist so lang wie die Folge der Stationen, die erfassen; sie endet an der ersten, die es nicht tut. Ab dieser Stelle ist alles Weitere eine Behauptung, gleichgültig wie sorgfältig die restliche Kette dokumentiert wurde.

Wo die Kette abbricht

Drei Stellen kommen immer wieder vor. Die erste ist der kleine Vorlieferant ohne System — ein Betrieb, der auf Papier arbeitet und dem eine Eingabemaske nicht zumutbar ist, ohne dass jemand dafür bezahlt. Die zweite ist der Zwischenhändler, dessen Geschäftsmodell auf dem Bündeln beruht: Er kauft von vielen und verkauft als eine Menge, und die Zuordnung zu einzelnen Herkünften ist bei ihm nicht nur technisch schwierig, sondern kommerziell unerwünscht. Die dritte ist die Verarbeitungsstufe, in der mehrere Lose physisch zusammenlaufen — nach dem Mahlen, Mischen oder Schmelzen ist die Trennung nach Herkunft nicht mehr rekonstruierbar, sondern nur noch rechnerisch behauptbar.

Diese drei Stellen sind keine Ausnahmen, sie sind der Normalfall in den meisten Ketten. Vorhaben, die daran scheitern, sind deshalb selten an der Technik gescheitert; sie hatten eine Kette angenommen, in der jede Station digital erfasst und jedes Los physisch trennbar ist, und diese Annahme trifft für einen Teil der Beteiligten nicht zu.

Warum die Mengenlogik der eigentliche Gewinn ist

Interessanterweise liegt der belastbare Nutzen nicht in der Herkunftsangabe selbst, sondern in der Mengenprüfung. Ein Zertifikat bestätigt einen Zustand zu einem Zeitpunkt und lässt sich für eine Charge ausstellen, die nur teilweise dem geprüften Los entspricht. Eine fortlaufende Kette von Übergaben macht dagegen sichtbar, ob die Mengen zusammenpassen — ob also aus zehn Tonnen zertifizierter Rohware unterwegs zwölf Tonnen zertifizierte Fertigware geworden sind.

Diese Art von Widerspruch fällt in einem geschlossenen Register auf und in einer Sammlung von Zertifikaten nicht. Für Betriebe, die auf eine Herkunftsangabe angewiesen sind, ist das der überzeugendere Grund für eine durchgehende Erfassung als die Unveränderbarkeit einzelner Einträge.

Der pragmatische Einstieg

Für ein Schweizer KMU beginnt ein solches Vorhaben nicht mit der Wahl einer Technologie, sondern mit zwei unspektakulären Schritten. Erstens: eine eindeutige Kennung pro Los, die im eigenen System geführt und auf jedem Dokument mitgeführt wird. Zweitens: die Vereinbarung mit den direkten Vorlieferanten, diese Kennung weiterzugeben und bei der Übergabe zu bestätigen.

Sind diese beiden Schritte gemacht, ist die eigentliche Arbeit erledigt und die Frage nach dem Register wird eine technische Detailfrage — dann ist auch eine gemeinsame Datenbank eine mögliche Antwort, solange sich die Beteiligten über den Betreiber einigen. Sind sie nicht gemacht, ändert kein verteiltes Register etwas daran, dass die Kette an der ersten undokumentierten Station endet. Das ist die unbequeme Reihenfolge dieses Anwendungsfalls: Die Organisation kommt zuerst, und sie ist der teure Teil.

Häufige Fragen

Was leistet eine Blockchain bei Herkunftsnachweisen?

Sie stellt sicher, dass ein einmal geschriebener Eintrag später nicht stillschweigend geändert oder entfernt werden kann, und dass mehrere Beteiligte ohne gemeinsamen Betreiber auf denselben Stand sehen. Was sie nicht leistet: prüfen, ob der Eintrag inhaltlich der Wirklichkeit entspricht.

Warum reicht ein Zertifikat nicht?

Ein Zertifikat bestätigt einen Zustand zu einem Zeitpunkt und lässt sich für eine Charge ausstellen, die nur teilweise dem geprüften Los entspricht. Eine fortlaufende Kette von Übergaben macht dagegen sichtbar, ob Mengen zusammenpassen — ob also aus zehn Tonnen Rohware unterwegs zwölf Tonnen Fertigware geworden sind.

Wo bricht die Kette in der Praxis ab?

An der ersten Station, die nicht erfasst — meist ein kleiner Zulieferer ohne System, ein Zwischenhändler, der bündelt, oder eine Verarbeitungsstufe, in der mehrere Lose zusammenlaufen. Ab dieser Stelle ist der Nachweis eine Behauptung, unabhängig davon, wie gut die restliche Kette dokumentiert ist.

Lohnt sich der Aufwand für ein KMU?

Wenn Herkunft ein Verkaufsargument oder eine regulatorische Anforderung ist, ja — aber meist beginnt es nicht mit einem Register, sondern mit einer eindeutigen Kennung pro Los und der Vereinbarung mit den direkten Vorlieferanten, diese Kennung weiterzugeben. Ohne diesen Schritt nützt die beste Technologie nichts.