Zahlen zu Branchengrössen sind meistens langweilig und gelegentlich verräterisch. Die Erhebung des Instituts für Finanzdienstleistungen Zug der Hochschule Luzern, die seit elf Jahren den Schweizer FinTech-Sektor vermisst, gehört zur zweiten Kategorie. Sie zählte per Ende 2025 insgesamt 529 Unternehmen in der Schweiz und in Liechtenstein — vier Prozent mehr als im Jahr davor und mehr als drei Mal so viele wie 2015.
Vier Prozent klingen nach Abkühlung, besonders im Vergleich zu den zweistelligen Zuwächsen der Aufbaujahre. Wer die Zahl allein liest, könnte auf einen ermüdenden Markt schliessen. Zusammen mit den übrigen Befunden der Erhebung ergibt sich ein anderes Bild.
Was hinter dem kleinen Zuwachs steckt
In der Aufbauphase eines Sektors ist die Nettozahl der Unternehmen eine schlechte Kennzahl. Es entstehen viele Gründungen, und viele verschwinden innerhalb von zwei Jahren wieder; das Ergebnis schwankt entsprechend und sagt über die Substanz wenig. Interessant wird die Zahl, wenn die Bewegung an den Rändern abnimmt und die Zusammensetzung sich verschiebt.
Genau das beschreibt die Studie. Datenanalyse, Big Data und künstliche Intelligenz stellen neu die grösste Technologieklasse und haben damit sowohl die Prozessdigitalisierung als auch die Distributed-Ledger-Technologie hinter sich gelassen. Infrastruktur ist erstmals das grösste Produktsegment. Die Autoren sprechen von Konsolidierung, Spezialisierung und technologischer Neuausrichtung statt von Disruption.
Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung, wenn man sich erinnert, welche Erwartung den Sektor über Jahre begleitet hat: dass Neugründungen die etablierten Institute verdrängen würden. Eingetreten ist etwas anderes. Ein wachsender Teil der Unternehmen baut nicht das Endprodukt für Privatkundschaft, sondern die Schicht darunter — Identifikation, Zahlungsabwicklung, Datenverarbeitung, Compliance-Prüfungen — und verkauft sie an Banken und Versicherungen.
Warum Infrastruktur zum grössten Segment wird
Diese Entwicklung hat einen nüchternen wirtschaftlichen Grund. Ein Anbieter, der Privatkundschaft gewinnen will, konkurriert in der Schweiz mit Instituten, die Vertrauen, Filialen und jahrzehntelange Kundenbeziehungen mitbringen, und muss Marketingbudgets aufwenden, die für ein junges Unternehmen selten tragbar sind. Ein Anbieter, der einer Bank eine Komponente verkauft, braucht kein Marketingbudget, sondern eine gute Lösung und Geduld mit langen Beschaffungsprozessen.
Der Preis dieser Positionierung ist Sichtbarkeit. Ein grosser Teil der 529 Unternehmen ist der Öffentlichkeit unbekannt, weil ihre Produkte im Hintergrund von Diensten laufen, die andere Namen tragen. Das erklärt eine wiederkehrende Wahrnehmungslücke: Der Sektor gilt gelegentlich als klein, weil man ihn nicht sieht.
Für Gründerinnen und Gründer bedeutet diese Struktur kurze Wege zum ersten Kunden — die relevante Kundschaft sitzt in derselben Stadt und ist erreichbar. Sie bedeutet aber auch, dass der erste Vertrag zwölf bis achtzehn Monate braucht, weil ein regulierter Betrieb nach anderen Regeln einkauft als ein Endkunde. Wer mit dem Zeitgefühl eines Konsumgütermarkts plant, unterschätzt diesen Punkt regelmässig.
Die Rolle des Rechtsrahmens
Ein Teil der Standortstärke ist reguliert entstanden. Mit der Bewilligungskategorie für DLT-Handelssysteme und den Regeln für Registerwertrechte hat die Schweiz früh einen Rahmen geschaffen, in dem tokenisierte Werte rechtssicher übertragbar sind. Das erklärt die Dichte im Raum Zug ebenso wie den Umstand, dass die Distributed-Ledger-Technologie in der Erhebung an Gewicht verliert: Sie ist nicht verschwunden, sie ist von einem Alleinstellungsmerkmal zu einer von mehreren Technologien geworden, die man einsetzt, wenn sie passt.
Für den Standort ist das der gesündere Zustand. Eine Branche, die sich über eine einzelne Technologie definiert, ist von deren Konjunktur abhängig. Eine Branche, die sich über Kundennähe und einen verlässlichen Rechtsrahmen definiert, überlebt den Wechsel der Technologiemode.
Was die Zahl nicht sagt
Die Unternehmenszahl misst keine Beschäftigung, keinen Umsatz und keine Wertschöpfung. Ein Standort kann bei stabiler Firmenzahl deutlich wachsen, wenn die bestehenden Unternehmen grösser werden, und er kann bei steigender Firmenzahl stagnieren, wenn alle klein bleiben. Für die Einordnung des Schweizer Fintech-Standorts wäre deshalb die Entwicklung der Beschäftigung die aussagekräftigere Grösse — sie ist nur schwerer zu erheben, weil viele Unternehmen ihre Zahlen nicht veröffentlichen.
Was die Zahl leistet, ist eine Korrektur zweier gegenläufiger Erzählungen: der vom explodierenden Zukunftsmarkt und der vom abgekühlten Hype. Beide treffen nicht zu. Der Sektor ist mit 529 Unternehmen dreimal so gross wie vor zehn Jahren, wächst langsam weiter und verlagert sein Gewicht dorthin, wo in der Schweiz Geld verdient wird — in die Zusammenarbeit mit einem grossen, regulierten Finanzsektor.